Stundenastrologie
 

" ... die Lehre der Stundenastrologie besagt, dass zur Zeit, in der sich jemand veranlasst fühlt, eine Frage zu stellen, die eine wichtige Angelegenheit betrifft, die Antwort darauf bereits am Himmel steht. Ein Horoskop, das für diesen Moment aufgestellt wird, enthält auch schon die Lösung zu dem Problem. Aber es sollte beachtet werden, dass der Zeitpunkt, für den ein solches Horoskop berechnet werden soll, der ist, wenn der Auskunftsuchende die Frage persönlich an den Astrologen richtet..."

Max Heindel

Was ist Stundenastrologie?

Im Folgenden werde ich versuchen, das Gebiet der Stundenastrologie zu umreissen und es in Zusammenhang mit anderen Bereichen der Astrologie wie der psychologischen Astrologie zu stellen. Wie genau die Stundenastrologie mit ihren Regeln aufgebaut ist, kann im Rahmen dieses Artikels nicht dargelegt werden. Ich werde erläutern, was die Stundenastrologie kann und wo ihre Anwendungsgebiete sind. Die Stundenastrologie, auch Augenblicksastrologie genannt, ist schon sehr früh in der Geschichte der Astrologie verwendet worden. Im Vergleich zum Radix (Geburtshoroskop) einer Person geht man hier von der "Geburt" eines Ereignisses aus.
Diese Ereignisse können sehr verschiedenartiger Natur sein:

In der Stundenastrologie wird davon ausgegangen, dass zu einem ereignisbezogenen Zeitpunkt ein darauf erstelltes Horoskop dieses Ereignis mit seinem ganzen Umfeld widerspiegelt. Es geht sogar soweit, dass zu einem Problem (Fragestellung) auch bereits die Lösung (Antwort) in der Signatur vom Himmel enthalten ist. In dem Sinne reiht es sich ein zu den klassischen Orakelmethoden. Zum Fragehoroskop gilt deshalb wie bei den anderen Orakeln, dass eine Frage höchstens auf sechs Monate in die Zukunft gestellt werden kann und dass zur gleichen Sache frühestens in sechs Monaten die Frage wiederholt werden darf, ausser die Sachlage hat sich inzwischen deutlich verändert. Wir können auch mit Methoden wie den Transiten und Direktionen einen symbolischen Blick in die Zukunft werfen. Doch mit den Regeln der psychologischen Astrologie werden wir keine deutliche Antwort auf eine Frage erhalten, welche wir jetzt stellen.

Dies ist das Gebiet der Orakel und eben auch der Stundenastrolopgie. Davon erhalten wir eine ganz andere Qualität von Aussage. Es ist etwa wie man mit unserem Alphabet Sätze in verschiedenen Sprachen schreiben kann, werden in der Stun-denastrologie auch dieselben Planeten verwendet wie in der psychologischen Astrologie, die Aussage ist aber in verschiedenen Sprachen chiffriert. Deshalb müssen wir auch zuerst die ganze Sprache der Stundenastrologie lernen, bevor wir diese auch anwenden können. Deutungsaussagen aus der psychologischen Astrologie können deshalb nicht in die Stundenastrologie übernommen werden, das gibt Kauderwelsch und gibt keine verständliche Deutungsaussage.
Ereignisse, welche einen allmählichen Beginn haben, eignen sich nicht für die Stundenastrologie. Erst wenn sich daraus etwas Konkretes manifestiert, wird es möglich sein, ein Ereignishoroskop zu erstellen. Als Beispiel können dazu gesellschaftlich-politische Umbrüche aufgeführt werden. Das kann mit einem allmählichen Wandel von Werten und Vorstellungen beginnen; kommt es in der Folge zu einem Regierungswechsel, kann das ein geeigneter Zeitpunkt sein für ein Ereignishoroskop, worin sich sowohl der Regierungswechsel wie auch die neuen Werte und Vorstellungen widerspiegeln werden.

In der Stundenastrologie ist es sehr wichtig für die Deutung, dass wir einen minutengenauen Zeitpunkt haben. Für die Deutung spielen die Häuserherrscher eine entscheidende Rolle. Das ergibt auch, dass das "richtige" Häusersystem verwendet werden muss, da bei den Zwischenhäusern hier grössere Unterschiede bestehen. Wenn eine Zwischenhausspitze je nach Haussystem in ein anderes Zeichen fällt, wird in der Stundenastrologie die Deutungsaussage ganz anders ausfallen. Bei welchem Haussystem die Deutungskette eine richtige Antwort liefert, kann durch Praxisfälle überprüft werden; nicht alle Haussysteme liefern gleich gute Ergebnisse.

In der Stundenastrologie wird hauptsächlich zwischen drei Arten von Horoskopen unterschieden: das eigentliche Ereignishoroskop (Arkanum), das Fragehoroskop (Interrogationshoroskop) und das Wahl-horoskop (Elektionshoroskop).

Ereignishoroskop

Ein Ereignishoroskop kann immer erstellt werden und es ist nicht durch Ausnahmeregeln eingeschränkt wie das Fragehoroskop. Das Radix als Horoskop für die Geburt eines Menschen ist in dem Sinne auch ein Ereignishoroskop. Auf dieses Horoskop können Transite und Progressionen angewandt werden, solange das Ereignis im zeitlichen Verlauf noch eine Bedeutung hat. Ein Beispiel dazu ist eine Geschäftseröffnung. Solange das Geschäft in seiner grundlegenden Form bestehen bleibt, kann mit den Transiten und Progressionen auf das Eröffnungshoroskop der Verlauf der Geschäftstätigkeit beobachtet werden. Dasselbe gilt auch für die erste Begegnung in einer Partnerschaft, sei sie privat oder geschäftlich. So wird auch das Ereignishoroskop der ersten Begegnung Klient - Therapeut immer aussagekräftig sein, solange diese beiden miteinander zu tun haben werden.

Aus der medizinischen Astrologie gibt es ein spezielles Ereignishoroskop: Das Dekumbitur. Nach alten Regeln wird es auf den Zeitpunkt erstellt, an dem der Patient erkennt, dass er krank ist und sich ins Bett legt. Es gibt aber viele Krankheiten, bei denen man nicht bettlägerig wird, weshalb wir dafür ei-nen anderen Zeitpunkt verwenden müssen. Oft kann kein genauer Beginn einer Krankheit festgestellt werden.

Fragehoroskop

Das Fragehoroskop ist das meist verwendete der Stundenastrologie und darauf beziehen sich auch die meisten Regeln. Beim Fragehoroskop wird der Zeitpunkt und der Aufenthaltsort verwendet, an dem der beratende Astrologe die Frage verstanden hat. Das scheint zuerst seltsam, kann aber durch die Praxis immer wieder bestätigt werden. Wenn wir einen Telefonanruf z.B. aus Amerika erhalten, worin uns jemand eine Frage stellt, müssen wir Zeit und Ort von uns hier verwenden. Dasselbe gilt auch, wenn uns die Frage schriftlich gestellt wird: Wenn wir einen Brief (oder auch Email ...) lesen und die Frage verstanden haben, muss dieser Zeitpunkt verwendet werden. Es kommt also nicht auf den Zeitpunkt an, wann der Fragesteller ursprünglich seine Frage formuliert hat.

Ein wichtiges Kriterium für ein Fragehorskop ist, ob dieses die Frage und die ganzen Umstände dazu auch widerspiegelt. Können wir dies nicht erkennen, ist es ungültig und wir müssen gar nicht in die Details der Deutung gehen. Dann müssen wir beim Fragesteller nach den Umständen und auch Motivationen seiner Frage nachfragen. Er stellt vielleicht eine Frage, welche ihn nicht oder zu wenig betrifft. Oder es ist eine vorgeschobene Scheinfrage und er möchte eigentlich etwas anderes wissen. Beispiel: Er fragt, ob es der Tante xy gesundheitlich gut gehe und wir erhalten ein nicht deutbares Horoskop. Seine wirkliche Frage dahinter ist aber, ob er bald von der Tante etwas erben kann ...

Zum Fragehoroskop gibt es alte Regeln, nach welchen dieses nicht immer gedeutet werden darf. Eine wichtige davon besagt, dass die Frage zu früh (= AC in den ersten drei Graden eines Zeichens) oder zu spät (= AC in den letzten drei Graden eines Zeichens) gestellt wurde. Wenn so etwas zutrifft und das Fragehoroskop in diesem Fall nicht gedeutet werden sollte, sind aber immer noch Aussagen möglich wie "die Frage ist im Moment noch nicht relevant, weil sich vielleicht nächstens etwas in dieser Sache ändert" (bei zu früh) oder "die Sache scheint bereits gelaufen zu sein und sie können nichts mehr dazu beitragen" (bei zu spät). Zusätzliche Regeln können diese Deutungseinschränkung abschwächen oder gar aufheben. Im modernen Verständnis der Stundenastrologie betrachtet man diese Einschränkungen mehr als Warnungen, dass man bei der Deutung vorsichtig vorgehen soll und nicht zu schnell die Deutungsschlüsse ziehen soll. Meist ist aus solchen Horoskopen auch gar keine eindeutige Antwort möglich.

Die Antwort zu einer Frage ist meistens in der folgenden Entwicklung des Fragehoroskopes enthalten. Wir lernen vor allem eine dynamische Betrachtung der Ausgangslage kennen. Wenn eine Person z.B. die Frage stellt, ob seine entlaufene Katze wieder zurückkommt, müssen zuerst die Signifikatoren (= die Anzeiger, Stellvertreter) bestimmt werden. Ein Planet wird für den Fragesteller stehen, einer für die entlaufene Katze. Jetzt werden wir beobachten müssen, ob diese beiden Signifikatoren sich miteinander verbinden werden. Wenn sich die beiden Signifikatoren mit einem förderlichen Aspekt (Konjunktion, Trigon oder Sextil) treffen werden, bevor einer der Signifikatoren sein Zeichen wechselt, wird die Katze bei unserem besorgten Fragesteller wieder zurückkommen. Wir müssen also in den Ephemeriden oder mit Hilfe vom Computer nachschauen, wie der weitere Planetenverlauf sich entwickelt.

Für die Deutung haben auch nur die zulaufenden (applikativen) Aspekte eine Bedeutung. Auch wenn die Signifikatoren in einem Fragehoroskop in einer abnehmenden Konjunktion mit 1° Orbis stehen würden, wird deshalb die gesuchte Sache nicht erfolgreich enden; der Aspekt war exakt und es zählt nur, was sich noch entwickelt. Hier wird viel genauer unterschieden als in der psychologischen Astrologie, wo solch ein Aspekt sicher nicht bedeutungslos wäre. Für die Deutung werden hauptsächlich die sieben alten Planeten verwendet und die einzelnen Aussagen sind schwarz-weiss gehalten. Es liegt in der Natur der Sache, dass z.B. eine Katze entweder zurückkommt oder nicht; aber nicht, dass sie etwas zurückkommt und etwas nicht. Durch die Interpretation vom ganzen Fragehoroskop werden wir trotzdem differenzierte Antworten erhalten. So können z.B. Aussagen über die Dauer des Fernbleibens gemacht werden, ob es der Katze gut geht und ob wir dafür viel selber unternehmen müssen, damit die Katze zurück kommt.

Ein Stundenhoroskop kann uns eine ganze Geschichte erzählen und ist meist vielschichtiger, als wir zuerst annehmen. Dazu das Zitat von Johan Hjelmborg: "Das Horoskop ist immer grösser als der Astrologe". Wir erhalten zu jeder gestellten Frage eine exakte Antwort auf der symbolischen Ebene, ob wir sie aber sinnvoll und eindeutig interpretieren können, ist eine andere Sache.

Geeignete Fragen

Mit dem Fragehoroskop können nicht alle Arten von Fragen beantwortet werden. Je klarer eine Frage gestellt wird und umso brisanter die Sache ist, desto klarer wird die Antwort sein. Wichtig ist auch eine persönliche Beteiligung. Fragen wir "Wird Prinzessin xy bald wieder gesund?", fehlt uns der persönliche Bezug (ausser wir stehen in dieser königlichen Verwandtschaft ...) und das Fragehoroskop wird uns mit einer Deutungseinschränkung oder einer mangelnden Widerspiegelung antworten. In einem gewissen Sinne gibt es eine Schutzfunktion, welche uns bei "falschen" Fragen einen Warnhinweis erkennen lässt.

Der Zeitraum für Fragen in die Zukunft ist wie bei anderen Orakeln auf etwa sechs Monate beschränkt. Wir können deshalb nicht fragen, wohin sich ein soeben beginnende Beziehung entwickeln wird. Wir können nach der Qualität vom Anfang fragen, wobei auch solche Fragen meist schwierig zu interpretieren sind. Fragen nach dem "wie" oder "warum" werden sehr komplexe symbolische Antworten liefern und wir können daraus selten eine schlaue Antwort gewinnen.
Gefragt werden kann nach verlorenen Gegenständen oder auch vermissten Personen. Auf die Frage nach dem "wo" gibt es selten eine eindeutige Antwort; die Frage nach einer Rückkehr ist meist besser beantwortbar.
Entscheidungsfragen jeglicher Art sind gut geeignet für ein Fragehoroskop (Soll ich dieses Haus kaufen? Soll ich diese Stelle antreten? Soll ich die Scheidung einreichen?). Auch Fragen im Umfeld von Beziehungen können für die Stundenastrologie geeignet sein. Es ist auf jedenfall die Einschränkung vom Zeitrahmen zu beachten. Manchmal ist es auch hilfreich, die zeitlichen Auslösungen nach der psychologischen Astrologie ergänzend zu verwenden.

Wenn wir uns in der Stundenastrologie üben und Fragen "suchen", werden wir meist schwierig zu in-terpretierende Antworten erhalten, da diesen Fragen oft die Relevanz fehlt oder wir die Frage bereits zu oft gestellt haben.

Wahlhoroskop

Beim Wahlhoroskop (Elektionshoroskop) geht es darum, im Voraus einen Zeitpunkt zu wählen, der für die gesuchte Sache günstig sein soll. Sein soll deshalb, weil wir eigentlich nur sehr beschränkte Möglichkeiten haben, die "Sterne zu dirigieren". Als Beispiel nehmen wir den Beginn eines Kurses, für den wir mehrere Möglichkeiten für den Beginn haben. Wir können die Horoskope für die möglichen Kursanfänge erstellen und dann abwägen, welches für diesen Kurs am geeignetsten sei. So wäre ein rückläufiger Merkur schlecht geeignet für einen Kurs, wo viel Stoff vermittelt werden muss oder wo die Kommunikation wichtig ist (Rollenspiele). Steht in einem Selbsterfahrungskurs die Innenschau im Vordergrund, wird ein rückläufiger Merkur hilfreich sein. Wir können auch versuchen, "störende" Planeten durch die Wahl vom Startzeitpunkt in Häuser zu legen, welche für die angestrebte Sache nicht wichtig sind. Eine Sonne im fünften Haus würde sich in einem geschäftlichen Budget-Workshop zwar sehr kreativ auswirken und der Workshop wäre auch sehr lebhaft; die Sonne im sechsten Haus würde aber die Arbeit (hier geht es um die Einteilung von Ressourcen) förderlicher unterstützen.

Fazit

Wer die Stundenastrologie erlernen möchte, wird sich mit etlichen Gebieten der Astrologie auseinander setzen:

Etliches davon stammt aus der klassischen Astrologie, deren Regeln in der psychologischen Astrologie nicht verwendet werden. Meine Erfahrung ist aber, dass wir auch in der psychologischen Astrologie besser deuten können und auch noch weitere Deutungsebenen wahrnehmen können, wenn wir auch die Regeln der "alten" Astrologie kennen. Voraussetzung ist aber, das wir beide Systeme kennen und sie nicht beliebig mischen dürfen. Wichtig ist auch der Hinweis, dass Kenntnisse vom Geburtshoroskop der an Fragehoroskopen betei-ligten Personen die Deutung einer Fragestellung erleichtern kann. Wenn zwischen widersprechenden Aussagen abgewogen werden muss, können zusätzliche Hinweise von Radixpositionen wichtig werden, für welche Aussage man sich entscheiden wird.

Für eine astrologische Praxis ist die Stundenastrologie ein bereichernde Ergänzung, womit auch Fragen beantwortet werden können, welche mit der psychologischen Astrologie nicht möglich sind. Wenn z.B. ein Klient sich zu etwas Sorgen macht, was ihn betrifft, werden wir ihn sicher viel präziser beraten können, wenn wir auch die Stundenastrologie anwenden .

(c) Rolf Baltensperger 3.1.2001